<%@ Language=JavaScript %> Texte

DAS LIED VON DER MOLDAU

Am Grunde der Moldau wandern die Steine,
es liegen drei Kaiser begraben in Prag.
Das Große bleibt groß nicht und klein nicht das Kleine,
die Nacht hat zwölf Stunden, dann kommt schon der Tag.
Es wechseln die Zeiten
die riesigen Pläne der Mächtigen kommen am Ende zum Halt.

Und geh‘n sie einher auch wie blutige Hähne,
es wechseln die Zeiten da hilft kein Gewalt.

-Bertolt Brecht-

  

 

Auf Wiesen grün
Viel Blumen blühn
Die blauen den Kleinen
Die gelben den Schweinen
Der Liebsten die roten
Die weißen den Toten

- Heiner Müller -

 

 

EPOCHE DER ZAHLREICHEN VERÄNDERUNGEN
Eine Veränderung
und wieder eine
Veränderung.
Und schon wieder
eine Veränderung.
Und noch eine
Veränderung.

Und noch viele
Geburtstage
im Kreise
der Familie.
- Ernst Jandl -

 

TOTSCHLAGEN
Vielleicht eine Maus,
vielleicht eine kleine Maus.
Ja, eine Fliege.

Erst die Zeit,
dann eine Fliege,
und dann
möglichst viele Menschen.

Und dann wieder
die Zeit.

 
- nach Erich Fried -

 

DER SUCHER
Suche immer nach dem Geld, dann kommt es an.
Such es auf der ganzen Welt! Denk immer dran!
Krieche ihm nach. Leck auf seine Spur!
Sei nicht schwach, denk immer nur: Verdienen! Verdienen! Verdienen!
Ernst ist die Spekulation! Aber lieben musst du es schon!

Suche immer den Erfolg. Dann kommt er an.
Pfeife auf das ganze Volk! Tritt auf den Vordermann!
Schmeichle der Macht! Sag immer ja.
Bei Tag und Nacht Halleluja, Hurra! Nach oben! Nach oben! Nach oben!
Geld winkt dir als Lohn. Aber lieben musst du es schon!

Suche immer nach dem Glück. Dann kommt es, wenn es will.
Dein Herz ist ein Serienstück, einmal steht es still.
Wenn du dich dann nach dem goldnen Tanz
präsentierst zur großen Bilanz: Ich hoffe, man wird mich hier loben! Da unten lag ich immer oben!
Kann sein, dass DIE STIMME spricht: "Mensch dein Leben, Mensch dein Leben, ja ein Leben,
war das nicht."
- Kurt Tucholsky -

 

 

 

OPER

Onassis, Erfinder der Totenschiffe

Die Callas, schönste Stimme des Jahrhunderts

Teilte sein Batt

- Heiner Müller -

 

 

AN DIE NACHGEBORENEN
I

Wirklich, ich lebe in finsteren Zeiten. Das arglose Wort ist töricht, eine glatte Stirn deutet auf

Unempfindlichkeit hin, der Lachende hat die furchtbare Nachricht nur noch nicht empfangen.

Was sind das für Zeiten, wo ein Gespräch über Bäume fast ein Verbrechen ist, weil es ein

Schweigen über so viele Untaten einschließt. Der da ruhig über die Straße geht ist wohl nur

nicht mehr erreichbar für seine Freunde die in Not sind.

Es ist wahr, ich verdiene noch meinen Unterhalt, aber glaubt mir, das ist nur ein Zufall. Nichts

von dem was ich tue berechtigt mich dazu mich satt zu essen. Zufällig bin ich verschont,

wenn mein Glück aussetzt bin ich verloren.

Man sagt mir: „Iß und trink du, sei froh, dass du hast“. Aber wie kann ich essen und trinken,

wenn ich den Hungernden entreiße, was ich esse und mein Glas Wasser einem Verdurstenden

fehlt? Und doch esse und trinke ich.

Ich wäre gerne auch weise – in den alten Büchern steht, was weise ist. Sich aus dem Streit der

Welt halten und die kurze Zeit ohne Furcht verbringen, auch ohne Gewalt auskommen, Böses

mit Gutem vergelten, seine Wünsche nicht erfüllen, sondern vergessen - gilt für weise. Alles

das kann ich nicht. Wirklich, ich lebe in finsteren Zeiten.

II

In die Städte kam ich zur Zeit der Unordnung, als da Hunger herrschte. Unter die Menschen

kam ich zur Zeit des Aufruhrs und ich empörte mich mit ihnen.
So verging meine Zeit die auf Erden mir gegeben war.

Mein Essen aß ich zwischen den Schlachten, schlafen legte ich mich unter die Mörder, der

Liebe pflegte ich achtlos, und die Natur sah ich ohne Geduld.
So verging meine Zeit die auf Erden mir gegeben war.

Die Straßen führten in den Sumpf zu meiner Zeit, die Sprache verriet mich dem Schlächter.

Ich vermochte nur wenig, aber die Herrschenden saßen ohne mich sicherer – das hoffte ich.

So verging meine Zeit die auf Erden mir gegeben war.

Die Kräfte waren gering, das Ziel lag in großer Ferne. Es war deutlich sichtbar, wenn auch für

mich kaum zu erreichen.
So verging meine Zeit die auf Erden mir gegeben war.

III

Ihr, die ihr auftauchen werdet aus der Flut in der wir untergegangen sind, bedenkt, wenn ihr

von unseren Schwächen sprecht, auch der finsteren Zeit, der ihr entronnen seid. Gingen wir

doch, öfter als die Schuhe die Länder wechselnd, durch die Kriege der Klassen; verzweifelt,

wenn da nur Unrecht war und keine Empörung. Dabei wissen wir doch, auch der Hass gegen

die Niedrigkeit verzerrt die Züge, auch der Zorn über das Unrecht macht die Stimme heißer.

Ach, wir die wir den Boden bereiten wollten für Freundlichkeit konnten selber nicht

freundlich sein. Ihr aber, wenn es soweit sein wird, dass der Mensch dem Menschen ein

Helfer ist, gedenkt unserer mit Nachsicht.
- Bertolt Brecht -

 

DER CHORAL VOM GROSSEN BAAL

Als im weißen Mutterschoße aufwuchs Baal

war der Himmel schon so groß und weit und fahl

blau und nackt und ungeheuer wundersam

wie ihn Baal dann liebte - als Baal kam.

 

Und der Himmel blieb in Lust und Kummer da

auch wenn Baal schlief, selig war und ihn nicht sah:

Nachts er violett und trunken Baal.

Baal früh fromm - er aprikosenfahl.

 

Und durch Schnapsbudicke, Dom, Spital

trottet lässig Baal und - und gewöhnt sich's ab -

Mag Baal müd' sein, Kinder, nie sinkt Baal:

Baal nimmt seinen Himmel mit hinab.

 

In der Sünder schamvollen Gewimmel

lag Baal nackt und wälzte sich voll Ruh:

Nur der Himmel, aber immer Himmel

deckte mächtig seine Blöße zu.

 

Torkelt über den Planeten Baal

bleibt ein Tier vom Himmel überdacht -

blauem Himmel. Über seinem Bett war Stahl

wo das große Weib Welt mit ihm wacht.

 

Und das große Weib Welt, das sich lachend gibt

dem, der sich zermalmen läßt von ihren Knien

gab ihm rasende Ekstase, die er liebt,

aber Baal starb nicht - er sah nur hin.

 

Und wenn Baal nur Leichen um sie sah

war die Wollust immer doppelt groß.

Man hat Platz, sagt Baal, es sind nicht viele da.

Man hat Platz, sagt Baal, in dieses Weibes Schoß.

 

Ob es Gott gibt oder keinen Gott

kann solang es Baal gibt, Baal gleich sein.

Aber das ist Baal zu ernst zum Spott:

Ob es Wein gibt, oder keinen Wein.

 

Gibt ein Weib, sagt Baal, euch alles her

laß es fahren, denn sie hat nicht mehr!

Fürchtet Männer nicht beim Weib - die sind egal

Aber Kinder fürchtet sogar Baal.

 

Alle Laster sind zu etwas gut -

nur der Mann nicht, sagt Baal, der sie tut.

Laster sind was, weiß man, was man will -

Sucht euch zwei aus: Eines ist zuviel!

 

Nicht so faul, sonst gibt es nicht Genuß!

Was man will, sagt Baal, ist was man muß.

Wenn ihr Kot macht, ist, sagt Baal, gebt acht,

besser noch, als wenn ihr gar nichts macht!

 

Seid nur nicht so faul und so verweicht,

denn Genießen ist bei Gott nicht leicht!

Starke Glieder braucht man und Erfahrung auch

und mitunter stört ein dicker Bauch.

 

Man muß stark sein, denn Genuß macht schwach;

Geht es schief, sich freuen noch am Krach!

Der bleibt ewig jung, wie er's auch treibt,

der sich jeden Abend selbst entleibt.

 

Und schlägt Baal einmal zusammen was

um zu sehen wie es innen sei -

ist es schade, aber 's ist ein Spaß

und 's ist Baals Stern; Baal war selbst so frei.

 

Und wär Schmutz dran, er gehört nun doch einmal

ganz und gar, mit allem drauf, dem Baal!

Und sein Stern gefällt ihm. Baal ist drein verliebt -

schon weil es für Baal 'nen andern Stern nicht gibt.

 

Zu den feisten Geiern blinzelt Baal hinauf

die im Sternenhimmel warten auf den Leichnam Baal.

Manchmal stellt sich Baal tot. Stürzt ein Geier drauf -

speist Baal einen Geier. Stumm. Zum Abendmahl.

 

Unter düstern Sternen, in dem Jammertal

grast Baal weite Felder schmatzend ab.

Sind sie leer, dann trottet singend Baal

in den ewigen Wald zum Schlaf hinab.

 

Und wenn Baal der dunkle Schoß hinunter zieht:

Was ist Welt für Baal noch? Baal ist satt.

Soviel Himmel hat Baal unterm Lid,

daß er tot noch grad gnug Himmel hat.

- Bertolt Brecht -